Willkommen in der Welt des schwarzen Schwans

Erinnern Sie sich noch an Jerome Kerviel? Vermutlich nicht. Kerviel war jener Mitarbeiter bei der französischen Bank Societe General, der bis zum 20. Jänner 2008 im Namen der Bank unter Umgehung sämtlicher Kontrollmechanismen mit rund 50 Milliarden € spekuliert hat und damit den seinerzeit größten Skandal der Welt-Finanzgeschichte auslöste. Dementsprechend massiv war (im Ausmaß von ca. 5 Mrd. €) der von ihm verursachte bilanzielle Schaden. Dass ein einzelner Mitarbeiter mit derart großen Beträgen spekulierte und sich eine der weltgrößten Banken plötzlich in ihrer Existenz bedroht sah, war seinerzeit nicht vorstellbar und wurde – wie die meisten derartigen Vorkommnisse – wieder vergessen.

Theorie des „Schwarzen Schwans“

Der US-amerikanische Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb bezeichnet dieses radikale Phänomen als „Schwarzen Schwan“. Vereinfacht gesagt ist dann von einem schwarzen Schwan zu sprechen, wenn Dinge passieren, die der menschliche Geist nicht für möglich hält.

Relotius und Kerviel führen uns eindrucksvoll vor Augen was passiert, wenn der Erfolgsdruck Menschen entgleiten lässt und der Zwang im Konzert der Extreme die erste Geige spielen zu wollen überhand gewinnt.

Die derzeit vorherrschende Erfolgsökonomie, gleichzeitig Heimat der Extreme, in der nur das kontinuierliche „schneller, besser, profitabler“ Sein zählt, ist geradezu prädestiniert dafür „schwarze Schwäne“ zu produzieren. Dass es sogar den ehrenwerten SPIEGEL, in seinem Bemühen ein stabiler, qualitativer Anker in der gegenwärtigen geschwindigkeitsgetriebenen Medien- und Kommunikationswelt zu sein, erwischt, ist doppelt bitter.

Durch den Missbrauch seines mittlerweile ehemaligen Mitarbeiters Claas Relotius reiht sich das Hamburger Qualitätsmagazin ein in die Reihe schwer begreifbarer Betrugs- und Manipulationsfälle dieser Welt und erwischt damit eine gesamte Branche – noch dazu zur Unzeit des Diktates der schnellen, Google-optimierten Schlagzeile – auf dem falschen Fuß. Relotius hat große Namen des deutschen Journalismus auf einzigartige Weise vorgeführt und die Marke SPIEGEL gezielt beschmutzt, ja mit den Füßen getreten. Er hat dem Medium vorsätzlich einen Markenschaden beschert. Vor allem die nun folgende Aufarbeitung wird darüber entscheiden, ob dieser nachhaltig ist, oder nicht. Dass für Journalisten aufgrund ihrer Tätigkeit deutlich höhere Moral- und Wertvorstellungen gelten, wie für den Durchschnitt der Gesellschaft, sei an dieser Stelle nicht nur nebenbei erwähnt.

Es wird wieder passieren

Relotius und Kerviel führen uns eindrucksvoll vor Augen was passiert, wenn der Erfolgsdruck Menschen entgleiten lässt und der Zwang im Konzert der Extreme die erste Geige spielen zu wollen überhand gewinnt. Eines muss uns bei der Auseinandersetzung mit derartigen Fällen daher bewusst sein: In der gegenwärtigen Welt der Extreme, die im Menschen oft unmenschliches Verhalten provoziert, wird uns schon bald wieder der nächste denkunmögliche Skandal beschäftigen. Daran müssen wir uns wohl gewöhnen. Willkommen in der Welt des schwarzen Schwans.

Die derzeit vorherrschende Erfolgsökonomie, gleichzeitig Heimat der Extreme, in der nur das kontinuierliche „schneller, besser, profitabler“ Sein zählt, ist geradezu prädestiniert dafür „schwarze Schwäne“ zu produzieren.

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