Ein neues Kommunikations­zeitalter?!

Das World Wide Web, welches seit mehr als 25 Jahren unser Kommunikationsverhalten tagtäglich massiv beeinflusst, hat die Menschheit definitiv in ein neues Zeitalter geführt. Denn mit dieser Entwicklung einher ging und geht eine wirtschaftliche Disruption, welche in ihrer Massivität gegenwärtig wie zukünftig zu enormen gesellschaftlichen Veränderungen führt. In der Tat erleben wir zurzeit wahrscheinlich die stärksten sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Umbrüche seit der industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts.

Schlagworte wie „Internet der Dinge“, „Industrie 4.0“, „Big Data“ finden permanent inflationäre Verwendung in unserem täglichen Sprachgebrauch. Gefährlich oft wirft der Mensch des 21. Jahrhundert mit „innovationsgetriebenen Termini“ um sich, deren Bedeutung und potenzielle Wirkung vom Groß der Menschheit definitiv nicht erkannt, teilweise sogar verkannt wird. Und wenn Raymond Kurzweil, als führender Denker des Datenkonzerns GOOGLE in seinem Glauben an die technologische Singularität, schon in wenigen Jahren das Zeitalter der künstlichen Intelligenz voraussieht und damit bereits die Herrschaft der Maschinen über den Menschen propagiert, dann ist in der Evolutionsgeschichte der Menschheit wohl ein Punkt erreicht, an dem jeder von uns aufgerufen ist innezuhalten und zu reflektieren. Alleine die Vorstellung einer Vormachtstellung der Maschinen müsste uns in einer aufgeklärten Welt längst Alarm schreien lassen. Die immer wirklicher werdende Science-Fiction von Romanautoren eines „Mensch-Seins“, das der Macht der Maschinen untergeordnet ist, sollte schon längst als Alptraum klassifiziert werden und schlussendlich in einer kritischen Gegenbewegung münden. Doch leider ist das Gegenteil der Fall.

Den neuen kommunikations- und datentechnologischen Entwicklungen ausgeliefert, droht sich die Menschheit selbst abzuschaffen. Autodesktruktion wie im Lehrbuch sozusagen. Noch nie zuvor haben wir uns den technischen Entwicklungen hingegeben wie jetzt, noch nie zuvor war die Tendenz jedes Einzelnen so groß, positive menschliche Verhaltensweise über Bord zu werfen wie derzeit. Die Technik bestimmt unseren Tagesablauf viel mehr als alles andere, wir haben die Interaktion via Smartphone und mit dem alles beherrschenden Netz zum unverzichtbaren Kompass unseres täglichen Wirkens bestimmt. Wenn hunderte Millionen von Menschen ihre Nachrichten für „Freunde“ kaum mehr durch den direkten menschlichen Kontakt sondern überwiegend virtuell über „soziale“ Netzwerke austauschen und damit auch ungefilterte, nicht valide Informationen verbreiten, dann ist der Schaden bereits angerichtet. Der Mensch akzeptiert dadurch nicht nur eine völlig kontaktlose und manipulierbare Form der Kommunikation. Er selbst forciert seine eigene Depersonalisation.

Dass die Dimensionen dieses neuen Zeitalters zu einer Destabilisierung der Menschheit führen, ist wohl seit den Ereignissen der letzten Wochen und Monaten, kaum zu leugnen. Denn das permanente Datensammeln hat nur in den seltensten Fällen positive Auswirkungen, wie das beispielsweise bei neuen Erkenntnissen über Krankheiten und deren mögliche Heilung sein kann. Wenn Roboter in den sozialen Netzwerken und Kurz-Nachrichtenkanälen bereits Meinungen generieren, diese auch entscheidenden Anteil am Ausgang von Wahlen haben können und andererseits tradierte Medien, die als Kontrollinstanzen stets als vierte Gewalt zur Aufrechterhaltung demokratischer Strukturen beigetragen haben, einen noch nie dagewesenen Bedeutungsverlust erleiden, wird ein Teil der wahrscheinlich noch massiveren zukünftigen Entwicklungen bereits ersichtlich. Der Mensch hat es nämlich nicht geschafft mit den technologischen Errungenschaften maßvoll und verantwortungsvoll umzugehen und die positiven Entwicklungsmöglichkeiten des neuen Kommunikationszeitalters zu forcieren. Eine Kehrtwende wäre daher dringend notwendig. (Erstpublikation in Kolping Kontakte in Heft 1/2017)

Martin Zechner wirkte im Rahmen seiner Berufslaufbahn bei mehr als 250 nationalen wie internationalen Krisen- und Risikoprojekten sämtlicher Komplexitätsgrade mit und trägt die redaktionelle Verantwortung für krisenkompass.at. Er erlangte in den USA (CSUEB) einen Master der Betriebswirtschaft, lehrt am Institut für Wirtschafts- und Betriebswissenschaften an der Montanuniversität Leoben und ist zertifizierter psychosozialer Krisen- und Traumaberater (Sigmund Freud Privatuniversität).

Kommentar schreiben