Die Logik der CORONA-Krise

Sie ist also wieder mit voller Wucht da, diese oft ignorierte und verdrängte Phänomenologie, die den Menschen seit Bestehen immer wieder einholt. Es ist eine Paarung aus Schutzmechanismus und Ignoranz, die uns oft wieder vergessen lässt, dass die Krise wiederkommt und in unterschiedlicher Form sogar alltäglich ist. In dieser Brutalität, wie wir sie jetzt erleben, hat sie sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt, denn diesmal geht es wirklich an das Eingemachte: Die Gesundheit. Aber ist das, was wir nun salopp als „Krise“ bezeichnen wirklich anders als ihre Vorgänger oder verläuft diese nach einem bekannten Schema an das wir uns vermehrt gewöhnen werden müssen?

Ein Problem emergenter Komplexität
Aufgrund der ständig steigenden Komplexitätsgrads, den die globalisierte Welt mit sich bringt, steigen auch die Risiken überproportional stark an. Denn seit der Finanzmarktkrise am Ende des vorletzten Jahrzehnts war ein Ansteigen multifaktorieller Krisenereignisse zu beobachten, das mit dem Ausbruch von COVID-19 seinen bisherigen Höhepunkt findet. Diese neuen Krisenereignisse sind durch ein äußerst hohes Maß an Vernetzung unterschiedlicher Systeme mit immens hoher Komplexität gekennzeichnet. Die Erfahrungswerte der letzten Jahre zeigen, dass deren „Handling“ auf Unternehmens- und Organisationsebene steigende, teils unlösbare Probleme bereitet und radikale Lösungsansätze erfordert. COVID-19 potenziert alles bisher Dagewesene und ist, aufgrund seiner immensen weltweiten Auswirkungen in den relevanten Ebenen der Gesundheit und Wirtschaft, bereits als multifaktorielle, globale Katastrophe zu bezeichnen.

Der überwiegenden Anzahl von Krisen gehen Signale voraus, deren zeitgerechte und richtige Deutung eine bessere Vorbereitung auf drohende Krisenereignisse garantiert.

Bei COVID-19 handelt sich um ein Problem emergenter Komplexität. Der am MIT lehrende Claus Otto Scharmer definiert emergente Komplexität als Problemstellung, für die es gegenwärtig keine aktuelle, offensichtliche, einsetzbare Lösungsstrategie gibt. Die Auswirkungen dieses Problems sind so vielschichtig, dass in weiterer Folge eine massive Destabilisierung der Wirtschaft und Gesellschaft droht. Kennzeichen dafür sind die hohe Anzahl der erkrankten und verstorbenen Menschen, die in atemberaubender Geschwindigkeit vernichteten Unternehmenswerte, erste soziale Unruhen in stark betroffenen Ländern und eine ausufernde Dynamik der Staatsschulden. Nassim Nicholas Taleb, der gegenwärtig weltweit wohl am meisten exponierte Risikoforscher, bezeichnet derartige Phänomene, die sich der menschliche Geist nicht vorstellen kann als „schwarze Schwäne“. Das trifft aktuell zu, denn bis vor kurzem konnte oder wollte sich eine derartige Entwicklung niemand vorstellen.

Signale werden oft nicht ernst genommen
Der überwiegenden Anzahl von Krisen gehen Signale voraus, deren zeitgerechte und richtige Deutung eine bessere Vorbereitung auf drohende Krisenereignisse garantiert. In Unternehmen sind das oft Berichte der Innenrevision, Warnungen des Wirtschaftsprüfers oder auch Hinweise und Berichte von öffentlichen Einrichtungen und Behörden wie beispielsweise der Finanzmarktaufsicht, Kartellbehörden oder Umweltämtern.
Krisenanalytisch betrachtet sind diese Warnungen der „latenten Krisenphase“ zuzuordnen, jener Phase, die der akuten, existenzgefährdenden Krisenphase, vorausgeht. Beobachtet man Krisenentwicklungen, kann und muss diese Latenzphase als entscheidende Krisenphase angesehen werden, denn die wichtigen Signale werden allzu oft ignoriert und nicht ernst genommen. Dass das auch bei COVID-19 so ist, sollte nicht als große Überraschung angesehen werden. Es ist ein Faktum.

Denn bereits in den Jahren 2018 und 2019 warnte die Weltgesundheitsorganisation deutlich vor einer sich global ausbreitenden Lungenerkrankung, die Millionen Menschenleben fordern und bis zu fünf Prozent der Weltwirtschaftsleistung vernichten könnte. Als Gründe wurden neben dem immer wieder in Teilen Asiens aktiven SARS-Erreger die massive Konzentration Bevölkerung in Großstädten, die in den letzten Jahren explodierte Zahl der Flugpassagiere und die radikal voranschreitende Veränderung des Weltklimas genannt. Renommierte Wissenschaftler, wie der deutsche Virologe Christian Drosten, wiesen darauf hin, dass hoch entwickelte Industrienationen auf ein derartiges Szenario in der Gesundheitsversorgung nur unzureichend vorbereitet seien. Die Warnungen der WHO wurden von vielen Regierungen dieser Welt nicht ernst genommen, denn Gesundheitssysteme sparten bei teuren Intensivbetten und Beatmungsgeräten ein, um budgettechnische Vorgaben zu erfüllen.

Deutlich wird das Ignorieren der Frühwarnung an der Entwicklung in anderen Ländern. Denn ist die Infektion in einem der Nachbarländer ausgebrochen und häufen sich die Fälle nicht importierter Erkrankungen, muss mit einer sofortigen Verschärfung der innerstaatlichen Maßnahmen reagiert werden. „The Lancet“, eine der weltweit renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften, publizierte in der vergangenen Woche, dass das Überschreiten einer Fallzahl von bereits 200 Erkrankten eine geordnete Verfolgung und Analyse der Infektionsketten nicht mehr möglich macht.
Ein weiteres Kennzeichen, dass die Krisenphase bereits akut geworden ist, bietet die Verdopplungsgeschwindigkeit der Fallzahlen und der Replikationsfaktor „R0“. Sollte die Verdopplungsgeschwindigkeit bei zwei bis drei Tagen liegen, kann nur mit massiven Maßnahmen der Eindämmung darauf reagiert werden. Damit einher geht auch die Entwicklung des Replikationsfaktors, der – und das zeigen erfolgreich praktizierte Modelle in den asiatischen Staaten – unter 1,0 gebracht werden muss, um eine deutliche (exponentielle) Eindämmung der Krankheit zu erreichen. Bei vielen Ländern zeigt sich, dass der Übergang von der „Latenz-“ in die „Akutphase“ offensichtlich übersehen bzw. gnadenlos unterschätzt wurde. In Österreich könnte das massive Eingreifen der Bundesregierung ab dem 10. März gerade noch zum richtigen Zeitpunkt erfolgt sein, für eine finale Beurteilung ist es derzeit allerdings noch zu früh.

Durch den „Lock-Down“ versuchen wir nun wieder in die latente Krisenphase zurückzukommen.

Zu kritisieren ist in diesem Zusammenhang jedenfalls, dass es – trotz der damals bereits exponentiellen Entwicklung der Fallzahlen – zu keinem sofortigen Schließen der Skigebiete gekommen ist. Dass es offensichtlich von Tirol aus exportierte Krankheitsfälle in nordeuropäische Länder (Island) gab, soll den österreichischen Behörden, so berichtet es der „Spiegel“, bereits seit Anfang März bekannt gewesen sein. Diese Fälle werden unsere Gerichte leider auch – nach überstandener Krise – weiter beschäftigen.

Durch den „Lock-Down“ versuchen wir nun wieder in die latente Krisenphase zurückzukommen. Deutsche Wissenschaftler, wie der an der MLU Halle forschende Alexander Kekule‘, der diese Pandemie-Phase auch als „Kontroll-Phase“ bezeichnet, sieht das primäre Ziel derzeit darin, wieder in dieses Stadium zurückzukehren. Auch wenn das gelingen sollte, sind aus Sicht der Wissenschaft Maßnahmen wie „Social Distancing“ und das breit angelegte Testen der Bevölkerung zwingend aufrecht zu erhalten. Verstärkt wird diese Position von Neil Ferguson vom Imperial College in London. Dieser hat errechnet, dass eine Person, die nicht weiß, dass sie infiziert ist und kein Social-Distancing betreibt, innerhalb eines Monats mehr als 400 Personen ansteckt.

Gesundheitskommunikation ist nur mäßig effizient
Im gesamten bisherigen Krisenverlauf ist zu beobachten, dass reine Aufklärung durch Maßnahmen der Gesundheitskommunikation in Europa offensichtlich nur geringe Wirkung zeigt. Große Teile der Bevölkerung halten (teilweise noch immer) an nachgewiesenermaßen falschen Glaubenssätzen fest, welche die Krankheit verharmlosen. Deshalb blieben, durch die Verantwortlichen in der frühen Krisenphase publizierte Appelle („Hände waschen“, „Kein Händeschütteln“) teilweise ungehört und zeigten geringe Wirkung. Auch das ist in Krisen immer wieder zu beobachten: Nur in wenigen Fällen reicht die Vorstellungskraft des Menschen schon dazu aus, um notwendige Schritte zu setzen. Wie es in den internationalen Pandemie-Plänen festgelegt ist, blieb den Verantwortlichen daher nur die Möglichkeit des höchsten Eskalationsstadiums, eines (partiellen) Lock-Downs der Länder.
Sollte sich das Verantwortungsbewusstsein in der Bevölkerung nicht deutlich verbessern, werden die Regierungen auch mittelfristig keine Aufweichung der Maßnahmen vornehmen können, denn dann wäre der Kollaps des Gesundheitssystems nur vertagt und nicht verhindert worden. Die Logik der Krise würde dann erneut in aller Vehemenz zuschlagen: Verdrängen, ignorieren, explodieren und sich dann wundern, dass es zu spät ist.

Autor: Martin Zechner

Martin Zechner wirkte im Rahmen seiner mehr als zwanzigjährigen Berufslaufbahn bei rund 300 nationalen wie internationalen Krisen- und Risikoprojekten sämtlicher Komplexitätsgrade mit. Der in Graz lebende Strategieberater unterstützt national sowie international agierende Unternehmen in Fragen der Kommunikationsstrategie und begleitet Führungskräfte bei der Bewältigung anspruchsvoller Themenstellungen in Veränderungsprozessen und Krisensituationen. Er ist Autor sowie Co-Autor von zahlreichen Publikationen zu Fragestellungen der Krisenkommunikation und zu den Entwicklungen der Informationsgesellschaft. Der Betriebswirt (California State University Eastbay) und psychosoziale Krisen- und Traumaberater (Sigmund Freud Privatuniversität) lehrt am Institut für Wirtschafts- und Betriebswissenschaften an der Montanuniversität Leoben.

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